Luftpost 2007
von G.W.Rapp

Es war ungewöhnlich für einen Juli. Die Nacht zuvor tobte ein kräftiger Sturm und Blitze durchzuckten das Dunkel aus Nacht und Wolken. Den ganzen darauffolgenden Tag tauchte ein andauernder Regen die Straßen und Gehsteige in schimmernde Nässe.
Erst gegen Abend ließ der Regen nach und bei Einbruch der Nacht rissen die Wolken auf und so konnte der Mond sein sanftes Licht auf die Erde herab senden.

Ich nutzte die Gelegenheit um mit meinem Hund die Abendrunde trockenen Fußes zu überstehen. Wir gingen wie üblich zur nahegelegenen Paulskirche. Als wir unter einer der prächtigen Linden vorbeikamen, plumpste mir plötzlich etwas vor die Füße.

Ich hob das Bündel auf und hielt eine Karte, an der ein Rest einer Schur befestigt war und einen Brief in meiner Hand. Unter der nächsten Laterne betrachtete ich mir den Fund etwas genauer.
Auf der Karte stand der Name: „Martha Soundso „ und die Adresse: „ München, Landwehrstraße“.
Als nächste nahm ich mir den Brief vor und war wirklich erstaunt, was ich da zu lesen fand.
Aber lies am Besten selbst:

Der Brief des Luftballons:

Liebe Martha!

Als Du vorsichtig Deine Karte an mich geknotet hast, zerplatzte ich fast vor Aufregung, denn ich wusste, Du würdest mich auf eine lange Reise schicken.
„Auf ins Abenteuer!“ schrie ich – innerlich, versteht sich. Nicht wie diese langweiligen Kinderballons am Boden hinterher geschleift zu werden, bis man an etwas Spitzem oder einer noch glühenden Zigarettenkippe sein Ende findet – nein, hinauf in die Lüfte, an den Wolken vorbei - bis zur Unendlichkeit – und noch weiter! Das war meine Bestimmung, mein Auftrag, den ich Dir, liebe Martha, verdanke.

Nachdem Du mich losgelassen hast und unter mir immer kleiner und kleiner wurdest, bis Du am Ende nur noch als Punkt zu sehen warst, fühlte ich mich ein wenig traurig, weil ich ahnte, dass wir uns nie wieder begegnen würden. Aber dann spürte ich den Hauch der Freiheit!
Denn schon ließ ich den Lärm und den Trubel Münchens hinter mir. Ein zarter Wind trieb mich voran. Ab und zu gesellten sich ein paar Vögel zu mir, vor deren spitzen Schnäbeln, das kannst Du mir glauben, ich einen gehörigen Respekt hatte. Doch dann wurden diese Begegnungen immer seltener, bis sich keiner dieser fliegenden Gesellen mehr bei mir blicken ließ.

Die Sonne streichelte gerade mit ihren sanften Vorabendstrahlen zärtlich meinen runden, prallen Bauch und dehnte ihn noch weiter, als sich vor mir die schroffen Felsen des gewaltigen Alpenmassivs auftürmten. „Oh nein!“ dachte ich, „Da komm ich niemals dran vorbei!“. Doch glaube mir, es war wie ein Wunder! Ich war mir schon sicher, an der nächsten Felswand zu zerschellen, als mich die Thermik nach oben riss. „Puh, das war noch einmal gut gegangen!“

Ich stieg weiter und immer weiter. Die Sonne sendete mir ihren letzen orangeroten Gruß. Ganz still war es jetzt. Über mir konnte ich die Sterne funkeln sehen. „Wartet nur, ich besuche euch bald.“ dachte ich mir vergnügt und fing an zu schlummern. Ich träumte vom Mond, denn wir ähneln uns sehr. Schließlich sind wir ja beide ziemlich rund, nicht wahr. Ich träumte, dass er mich freundlich empfing, wie einen kleinen Bruder. Das war schön!

Doch plötzlich riss mich ein unglaubliches Getöse aus dem Schlaf. Vor mir sah ich einen riesigen Jet auf mich zurasen. Es gab kein Entrinnen. „Das darf doch nicht sein!“ Eben noch war ich auf dem Weg zu meinem großen Bruder Mond und nun sollte ich von dem Triebwerk des vermaledeiten Flugzeuges in kleine Stücke zerrissen werden. In diesem Moment dachte ich an Dich, an Deine erwartungsvollen Augen, als Du mich auf meinen Weg schicktest, an Deinen Auftrag. Es war nicht richtig von mir zum Mond zu wollen. Wer hätte denn dort oben Deine Karte lesen sollen? Der Mann im Mond vielleicht, oder ein Astronaut?

Aber jetzt, da ich mich ja an meine Mission erinnerte, konnte ich nicht zulassen vom Flieger zerfetzt zu werden. „Martha verlässt sich auf mich! Ich muss ihre Karte bei den Menschen abliefern!“ Ich kam den messerscharfen Turbinenschaufeln des Düsentriebwerks am Heck des Jets immer näher und näher. Alles bewegte sich für mich, wie in Zeitlupe. Ich erinnerte mich daran, wie ich zum ersten Mal aufgeblasen wurde, an das kalte Messing des Gasflaschenventils, an den ersten Knoten, wie die Schnur an mich gebunden wurde – die Schnur! Das war die Lösung! Im allerletzten Moment konnte ich sie um die Antenne über dem Cockpit wickeln. Die entsetzten Gesichter der Piloten werde ich nie vergessen! Ich war gerettet – und Deine Karte auch.

Gleich nach der Landung gelang es mir glücklicherweise mich zu lösen und so konnte ich meinen Weg fortsetzen. Ich trieb über Wälder, Felder und Seen, als ich meine alte Freundin die Sonne wieder erblicken durfte. Ihre ersten warmen Morgenstrahlen gaben mir die Kraft weiter zu steigen. Den ganzen Tag kam ich gut voran und konnte viele Dörfer und Städte unter mir bewundern. Gegen Abend zogen vom Westen einige Wolken heran. Mit der Zeit wurden sie immer dichter und höher und dunkler. Düsternis verbreitete sich allmählich über das Land und am Horizont funkelten Blitze wie ein grandioses, weit entferntes Feuerwerk.

Die Schlechtwetterfront kam immer näher und näher und bevor ich mich versah verschlang sie mich. Ich war mitten drin im Unwetter. Du kannst mir glauben, es war ein Hexentanz! So ähnlich muss sich eine einsame Socke im Schleudergang fühlen. Es war unbeschreiblich. Ich wirbelte hin und her und rauf und runter. Mit Mühe gelang es mir Deine Karte nicht zu verlieren. In welche Richtung ich mich bewegte konnte ich schon gar nicht mehr bestimmen. Zu allem Unglück fing es nun auch noch fürchterlich an zu hageln und ich fror bitterlich. Ich spürte, wie ich an Luft und damit an Höhe verlor. Blitze und Donner peitschten mich, als ich schon fast die Besinnung verlierend unter mir kleine Lichter erkennen konnte.

Ich wollte nur noch so schnell, wie möglich landen, damit ich Deine Karte zu den Menschen zurückbringen konnte. Mit aller Kraft presste ich das Gas durch die mikroskopisch kleinen Poren meiner Gummihaut. Im kurzen Aufleuchten des Blitzlichtes konnte ich eine Kirche und die nassen Blätter eines Baumes, ganz in meiner Nähe ausmachen. Als ich ihn berührte, wickelte ich schnell die Schnur um einen Ast. Die gute Schnur, was hätte ich nur ohne sie angefangen. Dann wurde ich unmächtig.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war das Unwetter vorbei. Ich sah, wie sich eine Amsel auf dem Ast neben mir ihr Gefieder putzte und fragte sie, wo ich hier denn sei.
„In München“, zwitscherte sie, „in München natürlich!“
„Oje!“, dachte ich mir traurig „Da wird meine Martha aber sehr enttäuscht von mir sein!“
Ich wäre so gerne für Dich nach Paris oder London oder gar nach New York geflogen und hätte Dich mit einem Prinzen, Millionär oder einem schönen jungen Sportler bekannt gemacht. Jetzt bin ich wieder hier – und wer weiß, wer Deine Karte findet.

Liebe Martha, bitte sei mir nicht böse! Ich habe mein Bestes versucht, aber es kommt halt, wie es kommt. Vielleicht verzeihst Du mir. Du kannst ja später Deinen Kindern mit meiner Geschichte die Zeit vertreiben, oder Du schreibst gar ein Kinderbuch: „Der glücklose Luftballon“. Dann war meine Reise doch nicht so nutzlos für Dich und vielleicht werde ich dann auch noch berühmt. Das wäre schön.

Jetzt bin ich ganz müde und schlaff. Liebe Martha, mach es gut! Bei mir ist die Luft heraus! Vergiss mich nicht!

Dein Luftballon

Ps: Lieber Finder, bitte sende diesen Brief an Martha Soundso, die Adresse steht auf der Karte

Als ich den Brief gelesen hatte sah ich instinktiv nach oben und konnte erkennen, wie ein luftleerer Ballon - die Farbe konnte ich nicht mehr feststellen - im Mondlicht nach oben schwebte. Du wirst denken ich bin verrückt, aber es hatte fast den Anschein, als wolle ihn der Mond zu sich holen.

Am nächsten Tag schickte ich Martha den Brief des Luftballons. Ich schilderte Ihr in meinem Schreiben, wie und wo ich den Brief gefunden hatte und gab ihr noch folgenden Rat:

Wenn Du tatsächlich, wie es der Ballon vorgeschlagen hat, ein Kinderbuch daraus machen solltest, dann nenn es doch bitte nicht „Der glücklose Luftballon“, denn immerhin hatte er das Glück Dir zu begegnen und in einer Geschichte zu landen und wie ich es am Ende sehe, seinen Traum zu erfüllen.
,,,und wenn man den Mond ganz genau betrachtet, dann sieht man einen kleinen Ballon auf ihm, schaut fast so aus wie ein Krater, der lächelt,,,